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Lebensmitte mit Gören, Beruf und Eigenheim – Hamsterrad unter der Käseglocke. Die Abwesenheit eines Fernsehrs tut das ihre, um die globale Realität auszuklammern. Ein Foto im Spiegel von Menschen die in einer Halle auf dem Boden lagerten war dann aber der Auslöser – den Bahnhof kennst du doch..

Flüchtlinge im Bahnhof von Flensburg

Kriege, Klimaerwärmung, Verfolgung, Armut zwingt Millionen von Menschen ihre Heimat zu verlassen. Flüchtlingscamps in Nordafrika, Seelenverkäufer auf dem Mittelmeer, Gestrandete auf den Urlaubsinseln in Griechenland und Italien – weit weg. Und dann Ungan, Österreich, München… und jetzt „unser“ Bahnhof. Natürlich ließe sich auch das Geschehen vor der Tür ignorieren aber als neugieriger Mensch wollte ich sehen was dort geschieht.

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Zur Erklärung für Nicht-Schleswig-Holsteiner: Flensburg liegt direkt an der Grenze zu Dänemark. Von meinem Lieblingsschwimmspot kann ein halbwegs geübter Schwimmer Skandinavien erreichen. Züge und Busse fahren ins Nachbarland. Es gibt mehrere Möglichkeiten per PKW nach Dänemark zu kommen und der Rest der Grenze ist weitesgehend grün…  Neben Travemünde, Kiel, Rostock und Puttgarden ist Flensburg das Sprungbrett für Flüchtlinge, die Richtung Skandinavien wollen – und davon gibt es Einige.

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Nur eine Momentaufnahme:

Am Flensburger Bahnhof hat sich in den letzten Tagen eine bemerkenswerte Infrastruktur ausgebildet. Flüchtlinge werden aufgenommen und versorgt, das Ausmaß der Solidarität ist immens. Ich weiß nicht, wer wann was dort organisiert hat, aber es funktioniert. Vor dem Bahnhof stehen Sanitätsfahrzeuge, Sanitäter sind in der Halle überall anwesend. Auch die Polizei ist vor Ort zeigt Präsenz. Die Beamten sind freundlich, kommunizieren mit Helfern, halten sich aber eher im Hintergrund – für viele der Flüchtlinge sicher eine neue Erfahrung in Hinblick auf die uniformierte Staatsmacht. (Lokal-)Politiker tummeln sich vor Ort, halten ihre Gesichter in Kameras (Dethleffsen), machen sich ein Bild von der Lage (Kittel-Wegner), wirken engagiert (Andresen) oder sind irgendwie immer da und tun was (Lange). …und diese Beobachtung aus dem Moment heraus hat definitiv nichts mit Parteivorliebe zu tun.

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Es gibt den Chaoscomputerclub, der sich um das WLAN-Netzwerk kümmert, das man aus dem Boden gestampft hat, einen Infopoint an dem die Tätigkeiten koordiniert werden, eine Ausgabe für Lebensmittel und Hygieneartikel und eine ansehnliche Kleiderkammer in einem, von der Bahn zur Verfügung gestellten, Nebenraum.

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Überall sind Menschen am Flensburger Bahnhof ehrenamtlich im Einsatz als Dolmetscher, bei der Essens- und Kleiderausgabe, beim Annehmen und Ordnen von Waren und Spenden…

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Es ist beruhigend in einer Stadt zu wohnen, in der Migration und Flucht eine Welle von spontaner Hilfsbereitschaft auslöst, die so meine Beobachtung, durch alle Schichten und Altersgruppen schwappt. Flüchtlinge, die Dinge erlebt haben, die außerhalb meiner Wohlstandsmittelschichtsvorstellung liegen, die alles aufgeben mussten, können vielleicht in dem kleinen schmuddeligen Flensburger Bahnhof etwas Hoffnung schöpfen… zumindest aber erfahren, dass Menschen nicht nur scheiße sein müssen.

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An dieser Stelle wünsche ich den Helfern Kraft und Ausdauer und allen Flüchtlingen, dass sie dort hingelangen, wo sie hin möchten…

Helfen?

Guckt doch mal hier Refugees Welcome

oder hier Flüchtlingshilfe oder informiert euch z.B. hier Artikel zur Lage

Hören?

Angesichts des geplanten (und verbotenen) Aufmarschs von Neonazis an diesem Wochenende in Hamburg und den immer zahlreicheren brennenden Flüchtlingsunterkünften…  Das Lied ist über 20 Jahre alt und leider so aktuell wie immer Nur Idioten brauchen Führer!

 

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